Bei den Orang-Utans und den Orchideen

September 29, 2016

 

Wie üblich werde ich bereits eine Stunde bevor mein Wecker klingelt von den Rufen der Gibbons geweckt. Rosie, eine noch sehr junge Gibbondame, erkenne ich an ihren besonders lauten Rufen ganz deutlich. Zudem lässt sie am Ende ihres Rufes immer den Ton abfallen. Was wohl der heutige Tag bringen wird? Nach dem Aufstehen stellt sich heraus, dass ich bei den Orang-Utans eingeteilt bin. Da gehört es zu den täglichen Aufgaben, zuerst die Aussengehege von Fruchtresten zu befreien, um dann frische Früchte zu platzieren. Die sollten möglichst weit oben auf die Klettergerüste verteilt werden, damit die Orang-Utans klettern müssen und auch etwas zu tun haben. Für uns Menschen ist es immer ziemlich schwierig, auf diese Holzgerüste zu klettern, sind die Orang-Utans doch so viel kräftiger als wir.

Angefangen hat mein Abenteuer in der Stadt der Katzen, in Kutching, dem Zentrum vom malaysischen Teil der Insel Borneo. Ich wurde vom Flughafen abgeholt und gleich im Matang Wildlife Centre im Kubah Nationalpark einquartiert, um die nächsten Wochen als Volunteer zu arbeiten. Damals hatte ich ja noch keine Ahnung, wie sehr mir die vielen Tiere ans Herz wachsen würden. Nach einiger Zeit reichte ein Blick in die Augen von Aman, dem dominanten Männchen, und ich wusste, ob er heute in Spiellaune war oder eher seine Ruhe wollte. Viele Tiere bedeuten aber auch viel Arbeit. Denn es muss zum Beispiel nicht nur für die Orang-Utans geklettert werden, sondern auch für die vielen Kragenbären. Für sie verteilen wir jeden Morgen mit sehr langen Leitern Honig auf Bäumen. Die hoch empfindlichen Nasen der Kragenbären finden dann im Verlauf des Tages jeden Tropfen Honig, ohne etwas davon zu verschwenden.

Unterhaltung und Entertainment - wie wir wollen auch die Orang-Utans beschäftigt sein. Deshalb bastle ich am Nachmittag unter grossem Aufwand ausgeklügelte Spielsachen mit Futter drin, die die Orang-Utans mit ihren sehr kräftigen und unglaublich geschickten Fingern in wenigen Augenblicken knacken. Immerhin sind aber die beiden Babys Ali und Ting damit jeweils etwas länger beschäftigt. Ihre Mütter kamen durch Fallen oder durch einen Waldbrand ums Leben, so genau weiss man das nicht. Doch hier im Camp werden sie zu jungen Erwachsenen aufgezogen, um dann schliesslich wieder freigelassen zu werden.

 

Zwei Wochen später erwache ich nicht mehr von Gibbonrufen, sondern von den Sonnenstrahlen, die über dem Mount Kinabalu erscheinen. Im hügeligen Hochland baut sich riesig der höchste Berg  Borneos auf, der Ausblick vom Hotelzimmer lässt mich klein und unbedeutend erscheinen. Die heutige Wanderung im Nationalpark bringt mich an den Südhang des Berges und ich traue meinen Augen kaum: Orchideen so weit das Auge reicht! Ich frage mich, wie mich die Orchideensammlung im botanischen Garten überhaupt beeindrucken konnte. Die Region um den Mount Kinabalu ist bekannt für ihre Orchideenpracht. Hier gibt es schätzungsweise über 1000 verschiede Orchideenarten, solche die weit oben in Baumkronen wachsen, dann aber auch viele die im Erdboden wachsen, so wie die gut getarnte dead leaf orchid.

Etwas weniger auffällig, aber genau so clever sind die unzähligen Kannenpflanzen (Nepenthes). Eine ganz spezielle Art dieser Fleischfresser wurde in diesem Park erst vor wenigen Jahren entdeckt und beschrieben. Als ob das nicht genug wäre, wurde kurz darauf eine neue Froschart entdeckt, die nur in genau dieser Pflanze (über)lebt, indem die Kaulquappen einen besonderen Mechanismus als Schutz vor der Verdauungsflüssigkeit der Pflanze ausgebildet haben.

 

Kurz vor meiner Abreise darf ich noch mit dem grössten Säugetier auf Borneo Bekanntschaft schliessen: dem Borneo-Zwergelefanten. Im wunderschönen Flussdelta Kinabatangan beobachte ich eine ganze Herde beim Baden. Bis dahin wusste ich ja gar nicht, dass es auf der Welt nebst dem afrikanischen und dem asiatischen noch diese dritte Elefantenart gibt.

 

Die Begegnungen mit Orang-Utans auf Augenhöhe und das Gefühl beim Freilassen eines Pengolins haben mich realisieren lassen, wie einzigartig und kostbar die Flora und Fauna Borneos ist. Doch nun heisst es Abschied nehmen, obwohl ich versucht bin, das Flugzeug fliegen zu lassen und mich noch etwas den Orang-Utans zu widmen. Doch es ist hoffentlich nur ein Abschied auf Zeit.

 

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